Reerdigung – auch „Natural Organic Reduction“ (NOR) genannt – ist eine neue Bestattungsform, die den Körper natürlich zu nährstoffreicher Erde umwandelt. Erfahren Sie, wie dieser Prozess funktioniert, welche rechtliche Situation in Deutschland besteht und wie sich diese innovative Option von traditionellen Bestattungsarten unterscheidet.
Was ist Reerdigung? Ein neuer Weg der Natur
Reerdigung ist eine Form der Bestattung, bei der der Körper eines verstorbenen Menschen in einem speziellen Kokon in etwa 40 Tagen natürlich in nährstoffreiche Erde umgewandelt wird. Anders als bei Kremation findet keine Verbrennung statt – stattdessen arbeiten Mikroorganismen, Wärme und Feuchte zusammen, um den Körper sanft und würdevoll zu zersetzen. Das Ergebnis ist braun-schwarze, lockere Erde, die etwa so viel wiegt wie ein ausgewachsener Mensch – und diese Erde kann Familien mitnehmen, um einen Baum oder eine Staude zu pflanzen.
Die Idee ist nicht neu: Sie basiert auf natürlichen Kompostierungsprozessen, wie sie seit Jahrtausenden in der Natur stattfinden. Moderne Anlagen haben diesen Prozess nur optimiert und unter kontrollierte, hygienische Bedingungen gestellt.
Unterschied zu traditionellen Bestattungen
Reerdigung vs. Erdbestattung: Bei der Erdbestattung wird der Körper in einem Sarg in die Erde beerdigt. Das dauert 10–15 Jahre, bis Knochen bleiben. Reerdigung ist schneller (40 Tage), platzsparender und unabhängig vom Friedhof.
Reerdigung vs. Kremation: Die Kremation benötigt hohe Temperaturen und Energie. Reerdigung nutzt Umgebungswärme und Mikrobiologie. Die CO2-Bilanz von Reerdigung ist deutlich besser.
Reerdigung vs. Waldbestattung: Bei Waldbestattung wird die Asche unter einem Baum verstreut. Der Körper wurde aber zuvor kremiert. Bei Reerdigung wird der Körper gar nicht kremiert, sondern die entstehende Erde kann direkt zum Pflanzen verwendet werden.
Der Prozess: 40 Tage natürliche Transformation
Der Reerdigung-Prozess läuft in mehreren Phasen ab:
Phase 1: Aufbahrung und Vorbereitung (Tag 0)
Der Körper wird sanft in einen speziellen Kokon aus nachhaltigen Materialien (meist aus recyceltem Kunststoff oder Baumwolle) gelegt. Der Kokon wird mit natürlichen Zersetzungshelfern gefüllt – Häcksel, Klee, kleine Holzchips. Diese Materialien fördern die Aktivität der Mikroorganismen. Angehörige können in vielen Fällen noch Abschied nehmen, bevor der Kokon verschlossen wird.
Phase 2: Thermophile Zersetzung (Tage 1–20)
In den ersten drei Wochen passiert das meiste: Die Temperatur im Kokon steigt auf 50–65 °C. Thermophile (wärmebevörende) Bakterien und Pilze arbeiten intensiv. Sie bauen Proteine, Fette und Kohlenhydrate ab. Der Prozess ist vollständig aerob (mit Sauerstoff). Dies ist die aktivste und transformativste Phase.
Phase 3: Stabilisierung (Tage 21–40)
Nach drei Wochen sinkt die Temperatur. Mesophile Mikroorganismen übernehmen die Arbeit. Das Material wird zu humusähnlicher Erde umgebildet. Mineralische Nährstoffe entstehen – Stickstoff, Phosphor, Kalium. Diese Nährstoffe sind genau das, was Pflanzen brauchen.
Phase 4: Übergabe (Tag 40+)
Nach etwa 40 Tagen liegt fertige Erde vor. Die Menge beträgt etwa 200–250 Kilogramm – nährstoffreich, dunkelbraun, mit leichtem Erdgeruch. Familie kann diese Erde abholen, um einen Baum zu pflanzen, oder sie wird auf Wunsch auf dem Friedhof verstreut.
Rechtlicher Status: Wo ist Reerdigung in Deutschland erlaubt?
Die Rechtslage ist noch restriktiv, aber dynamisch:
Schleswig-Holstein: Das Vorreiter-Bundesland
Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland in Deutschland, das Reerdigung legalisiert hat. 2023 wurde das Friedhofs- und Bestattungsgesetz geändert. Seitdem dürfen lizenzierte Anlagen Reerdigung unter strikten Hygienestandards und behördlicher Überwachung durchführen. Das Land betreibt damit ein Pilotprojekt und sammelt Erfahrungen.
Berlin und Hamburg: Änderungen in Sicht
Berlin diskutiert eine Änderung des Bestattungsgesetzes. Der Senat hat angekündigt, Reerdigung prüfen zu wollen. Hamburg debattiert ähnlich. Beide Städte könnten bis 2026/2027 legalisieren.
Öbrige Bundesländer
In den meisten anderen Bundesländern ist Reerdigung aktuell nicht zulässig. Grund ist der “Friedhofszwang” – ein Gesetz, das vorsieht, dass Bestattungen nur auf offiziellen Friedhöfen stattfinden dürfen. Dies widerspricht der dezentralisierten Natur von Reerdigung.
Kosten und Preisliche Rahmenbedingungen
USA: Reerdigung kostet dort etwa 5.000 USD (ca. 4.500–4.800 EUR). Das ist etwa 30–40% günstiger als eine durchschnittliche amerikanische Erdbestattung.
Erwartete deutsche Preise: Experten erwarten Kosten zwischen 3.000 und 5.000 EUR, sobald Reerdigung in Deutschland verbreiteter ist. Dies wäre vergleichbar mit Premium-Kremationen oder niedrigen Erdbestattungen.
Kostenersparnis: Reerdigung könnte langfristig günstiger sein, da keine Krematoriumsgebühren anfallen und keine Friedhofsunterhalt nötig ist.
Wer bietet Reerdigung in Deutschland an?
Meine Erde
Meine Erde ist der erste und aktuell einzige kommerzielle Anbieter von Reerdigung in Deutschland. Das Unternehmen betreibt eine Anlage in Schleswig-Holstein und arbeitet mit strengsten ökologischen und hygienischen Standards. Familien können die Anlage besuchen, sich den Prozess erklären lassen und die Asche (Erde) danach abholen.
Bei Expansion in weitere Bundesländer könnte Meine Erde weitere Standorte eröffnen oder mit regionalen Bestattungsunternehmen kooperieren.
Vergleich mit anderen Bestattungsformen
Reerdigung hat Vor- und Nachteile gegenüber Alternativen:
Reerdigung vs. Waldbestattung
- Waldbestattung: Bereits in allen Bundesländern legal, oft günstiger (2.500–4.500 EUR), traditioneller
- Reerdigung: Noch in wenigen Bundesländern legal, Familie kann Erde selbst verwenden, CO2-Ersparnis größer
Reerdigung vs. Seebestattung
- Seebestattung: Günstiger (1.500–3.500 EUR), sehr naturbasiert, aber kein Gedenkort
- Reerdigung: Teurer, aber Familie kann Baum pflanzen und Ort besuchen
Reerdigung vs. traditionelle Erdbestattung
- Erdbestattung: Traditionell, akzeptiert, aber braucht viel Platz, erfordert Grabpflege über Jahrzehnte
- Reerdigung: Platzsparend, wartungsfrei, keine Chemikalien nötig
Reerdigung weltweit: Der internationale Stand
USA: Recompose in Washington
Die USA waren Vorreiter. 2019 legalisierte Washington State als erstes die “Natural Organic Reduction”. Das Unternehmen Recompose betreibt Anlagen in Seattle und hat tausende Fälle bearbeitet. Inzwischen haben weitere Staaten legalisiert: Vermont, Kalifornien, New York, Colorado. Recompose ist auch international aktiv.
Kanada: National etabliert
Kanada legalisierte Reerdigung 2021 bundesweit. Führende Bestattungsunternehmen bieten es jetzt in Toronto, Vancouver und anderen Städten an.
Europa: Im Aufbruch
Österreich und die Schweiz diskutieren Legalisierungen. Schweden prüft ähnlich wie Deutschland. Es ist zu erwarten, dass Europa bis 2027 mehrere Länder sehen wird, die Reerdigung erlauben.
Ökologie und Nachhaltigkeit
CO2-Bilanz
Reerdigung hat eine ausgezeichnete Kohlenstoffbilanz. Kremation erzeugt etwa 100–200 kg CO2 pro Fall. Reerdigung erzeugt praktisch keine direkten Emissionen – nur die minimale Heizung und Lüftung der Anlagen. Studien zeigen: Reerdigung senkt CO2-Emissionen um 75% gegenüber Erdbestattung.
Platzergiebigkeit
Reerdigung braucht 1% des Platzes einer Erdbestattung. Eine moderne Anlage kann hunderte Fälle im Jahr bearbeiten, während ein Friedhof tausende Grabstätten braucht.
Rückgabe an die Natur
Die entstehende Erde ist 100% natürlich, chemikalienfrei und nährstoffreich. Sie kann direkt als Gartenerde verwendet werden. Das ist echte “Stardust”-Philosophie: Der Körper wird zu Erde, die neues Leben nährt.
Häufige Fragen zur Reerdigung
Was ist Reerdigung oder NOR?
Reerdigung (Natural Organic Reduction, NOR) ist ein natürlicher Zersetzungsprozess, bei dem der Körper in etwa 40 Tagen in einem speziellen Kokon in nährstoffreiche Erde umgewandelt wird. Dies geschieht durch Mikroorganismen, Wärme und Feuchte ohne chemische Zusätze.
Ist Reerdigung in Deutschland legal?
Reerdigung ist aktuell nur in Schleswig-Holstein als Pilotprojekt erlaubt. Berlin und Hamburg diskutieren derzeit die Legalisierung. In anderen Bundesländern bleibt Reerdigung vorerst nicht zulässig, da der “Friedhofszwang” gilt.
Wie viel kostet Reerdigung?
Reerdigung kostet in den USA etwa 5.000 USD (ca. 4.500 EUR). In Deutschland werden Kosten zwischen 3.000 und 5.000 EUR erwartet, sobald die Legalisierung voranschreitet und Anbieter expandieren.
Was passiert mit der Erde nach Reerdigung?
Nach Reerdigung entsteht nährstoffreiche Erde. Diese kann von Angehörigen mitgenommen werden, um damit einen Baum oder eine Staude zu pflanzen, oder sie wird auf dem Friedhof verstreut.
Kann ich jetzt schon Reerdigung planen?
Ja. Sie können mit Bestattungsunternehmen in Schleswig-Holstein Reerdigung vorsorgen. Andere Bundesländer werden vermutlich folgen. Erkundigen Sie sich bei Ihrer lokalen Bestattung.